Arbeiterführer  (Lieder) Verfasst: Mittwoch, den 01. Juni 2011 08:48


Musik, Text, Gitarre und Gesang: Thorsten Hild (beim morgendlichen Frühstück mit einfacher Digitalkamera aufgenommen; das soll keine Entschuldigung sein; es erklärt das zeitweilige leichte Knacken und Rauschen; denken Sie, um dies zu kompensieren, einfach an die gute alte Schellackschallplatte...das passt doch auch zum altmodisch erscheinenden Titel.)

Und hier eine Geschichte zum Lied:

Gerade erzählte mir ein guter alter Freund von einem Bewerbungsgespräch bei der Gewerkschaft. Die erste Frage lautete:  „Sind Sie auch in der Gewerkschaft?" Sie wurde ihm schon im Aufzug gestellt. Mein Freund antwortete: „Nein." Und er setzte frech, aber mit unüberhörbar humorvollem Unterton nach: „Aber Sie haben jetzt die Chance, ein Mitglied hinzuzugewinnen." „Und hat er gelacht?", fragte ich meinen Freund und ergänzte: „So ein souveräner Arbeitnehmer, das wird bei der Gewerkschaft doch gleich auf Gegenliebe  gestoßen sein."

"Von wegen", raunzte er mich an. Als er gemeinsam mit seinem Begleiter den Raum betrat, in dem das Bewerbungsgespräch stattfand, klagte - mein Freund sagte "denunzierte" - jener diesen sogleich  vor versammelter Mannschaft an: „Er ist nicht in der Gewerkschaft!" Mein lieber Freund! Er wurde mit ernster Miene aufgefordert, sich zu setzen. „Na, das ist jetzt aber wirklich ein Ding", setzte der Vorsitzende nach, nachdem sich alle Beteiligten kurz vorgestellt hatten."

Und in dieser Geisteshaltung ging es munter weiter. Mein Freund überlegte für einen kurzen Moment, ob er nicht gleich wieder aufstehen sollte. Er sprach jetzt auch nicht länger von einem Bewerbungsgespräch, sondern sagte „Verhör", um die Atmosphäre treffender auszuleuchten.

Aber mein Freund entschloss sich dann doch zu bleiben. Er schlüpfte kurzer Hand in die Rolle eines Enthüllungsjournalisten. "Zumindest fühlte ich mich so. Wie ein kleiner Wallraff", flüsterte er jetzt mit verschwörerischer Miene und beugte sich dazu weit zu mir herüber. Ich konnte ihn kaum verstehen. 

Die ganze Zeit, so sagte er mir, sich jetzt wieder entspannt zurück lehnend, musste er dabei an eine Skulptur denken, die im Foyer des Gewerkschaftshauses stand. Mein Freund war geraume Zeit zu früh zum Bewerbungstermin erschienen. Er nutzte die Zeit, diese Skulptur zu betrachten. Neugierig fragte er an der Rezeption, wer denn der Herr sei, der dort in Bronze gegossen stand, und wer die Skulptur geschaffen habe. „Hans Böckler ist das", gab die Dame an der Rezeption freundlich zurück und verwies auf einen „Flyer", einen kleinen Prospekt zum Werk und dessen Entstehung, der dort auslag. 

Mein Freund begann sogleich darin zu lesen. „Hans Böckler verkörpert mit seiner Biographie und seinem politischen Werdegang die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung im Deutschland des 20. Jahrhunderts", las er. „Unmittelbar nach Kriegsende beteiligte er sich am Wiederaufbau der Gewerkschaften", erfuhr er weiter über den gewerkschaftlichen Gründervater und ersten Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Und ich las es jetzt auch. Denn mein Freund war so aufmerksam gewesen, mir ein Exemplar des Prospektes mitzubringen.

Das alles stand im 2. Absatz geschrieben. Der 1. Absatz gab Auskunft über die Entstehungsgeschichte des Werkes. „In Erinnerung an den ersten Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Hans Böckler, erhielt der englische Bildhauer John Davies im Frühjahr 2002 auf Initiative von Herrn Dr. Peter Hartz, Arbeitsdirektor der Volkswagen AG, den Auftrag, ein lebensgroßes Ganzfigurenporträt zu schaffen."

Ich schaute kurz auf und registrierte, dass der Freund mich neugierig anschaute, während ich das las. Um etwas Zeit zu schinden, trank ich einen kräftigen Schluck von meinem Hefeweizen. Es war ein wunderbarer Frühsommerabend und wir saßen vor „DER EINS", dem Café unter dem ARD-Hauptstadtstudio, direkt am Deutschen Bundestag. Ich blinzelte ihn an und tat für einen Augenblick so, als ob mich die Sonne, die mir unnachsichtig in die Augen stach, nun am Reden hinderte. Und ich war in der Tat sprachlos. Da hatte also der „Erfinder" der arbeitnehmer- und gewerkschaftsfeindlichen Hartz-Gesetze dafür gesorgt, dass der Gründervater des DGB ein Denkmal bekam. Und das auch noch im selben Jahr, in dem die von Dr. Peter Hartz geleitete und von Bundeskanzler Schröder eingesetzte Kommission "Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" ihren Bericht vorgelegt hatte.

So widersprüchlich ist unsere kleine runde Welt, die vielleicht viele deswegen so rund halten, damit blos niemand in die Ecken schaut und gewahr wird, was da so liegt und steht; so wie diese Bronzeskulptur eben, die in der Ecke des Gewerkschaftshauses stand.

„Ja", sagte mein Freund, nachdem ich diesem Gedanken Ausdruck verliehen hatte. „An diesen Widerspruch musste ich die ganze Zeit während des Gespräches denken. Und wie gern hätte ich diesen Gewerkschaftsbossen gesagt: ´Nun, ich bin zwar bisher nicht in der Gewerkschaft - aber ich habe sie auch nicht zerstört!" „Ja, der Peter Hartz hat bestimmt immer brav seine Mitgliedsbeiträge entrichtet", grinste ich. „Prost", sagte mein Freund und hob sein Glas. „Prost", antwortete ich, und wir stießen an.

Diese Geschichte meines guten alten Freundes hat - neben vielen anderen Geschichten - mit zur Entstehung des Liedes mit dem altmodisch anmutenden Titel "Arbeiterführer" beigetragen.

Zur Sicherheit sei schließlich noch angemerkt: Dieser Song richtet sich natürlich nicht gegen die Gewerkschaften oder Parteien, Gewerkschaftsfunktionäre oder Politiker - er hinterfragt nur deren Selbstverständnis und blickt in den Abgrund, der zuweilen zwischen politischem Anspruch und persönlicher Wirklichkeit klafft. Bei manchen, so scheint es,  ist auch gleich der politische Anspruch in den Abgrund gestürzt und hat auf diesem Weg den Graben zur persönlichen Wirklichkeit geschlossen. Schöner wäre es natürlich, wenn dies umgekehrt die Gestaltung der persönlichen Wirklichkeit besorgte. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Hören!

Kommentare - gern auch kritische - können direkt hier unter diesem Eintrag geschrieben werden.

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